Das Feuchtgebiet an der Hauptstrasse

Sumpf-, Moor-, Teich- und Feuchtwiesenpflanzen üben einen ganz besonderen Reiz aus. Vielleicht, weil wir uns nicht mehr die Mühe machen diese Gebiete aufzusuchen, oder diese Flächen gar nicht mehr betreten werden dürfen, oder gar, weil diese Pflanzen fast kaum noch in der freien Natur anzutreffen sind; wie z.B. der Kleefarn, der inzwischen wohl völlig aus unserem Kulturgebiet verschwunden ist. Wer sich aber einmal näher mit den Feuchtbiotoppflanzen beschäftigt hat, erliegt leicht der Faszination, die von den unterschiedlichen Gewächsen ausgeht. Der verständliche Wunsch ein solches Fleckchen Erde hegen und pflegen zu können scheitert zumeist daran, dass kein eigener Grund und Boden vorhanden ist, oder die im Voraus berechneten Kosten einfach zu hoch liegen. Für beide Probleme gibt es Lösungen. Wer sich auf eine langfristige Mietbeziehung mit einer Wohnbaugesellschaft eingestellt hat, ist sicher gut beraten sich mit Vertretern der Gesellschaft über ein solches Vorhaben im Vorfeld zu unterhalten. Hilfreich hierbei ist es sicher, ein klares Konzept mit anschaulichen Zeichnungen vorweisen zu können; immerhin handelt es sich um landschaftliche Veränderungen. Wer nicht gerade ein Biotop mit mehr als zehn Quadratmetern plant, kann sicherlich die Kosten auch in einem vertretbaren Rahmen halten. Handwerkliches Geschick und systematisches Denken vorausgesetzt, kann auf engstem Raum eine viel bestaunte Anlage wachsen. Nachfolgend versuche ich einmal darzulegen von welcher Seite ich ein solches Projekt angegangen bin. Ich bin mir darüber im Klaren, dass ich mich mit dieser Darstellung nur am Rande mit Karnivoren beschäftige, es ist aber vielleicht auch wichtig, hin und wieder über den „Tellerrand“ hinauszublicken. Fernerhin ist eine Bepflanzung ausschliesslich mit fleischfressenden Pflanzen natürlich auch möglich.

Nach einem Umzug Ende 2005 musste ich mich zwangsläufig auch von meinem Garten an der alten Wohnstätte trennen. Schweren Herzens zog ich also in ein Mehrfamilienhaus, das lediglich einen Wäschetrockenplatz mit zwei kleinen Beeten aufwies. Glücklicherweise zeigten aber meine Mitbewohner keinerlei Interesse an Flächenkultivierung und, so zeigte mir ein erster prüfender Blick, es hatte wohl auch die letzten zwanzig Jahre niemand die Neigung verspürt, sich mit Gartengerät durch die entstandene Wildnis zu kämpfen. Eine Rasenfläche war aber doch frei, die Wäscheleinen waren zugänglich, sowie etwas Wiese an den Seiten. Wie könnte man hier denn ein Moorbeet realisieren, und sei es ein noch so kleines? Schon in dieser Phase der ersten Begutachtung entstand etwas vor meinem geistigen Auge; wie wäre es, wenn man Mörtelkübel aneinanderreihen würde...

Und mehrere Kübel sollten es schon sein; aus Erfahrung wird man bekanntlich klug. Bei meinem ursprünglichen Beet hatte ich auch auf einen einzelnen Kübel gesetzt und war damit kläglich gescheitert. Da mein Interesse nicht nur den Karnivoren gilt, sondern auch vielem anderen was da in Sümpfen, Mooren und Feuchtwiesen zu finden ist, hatte ich zuletzt ein ziemliches Chaos im Beet; die Fleischis hatten einfach zu wenig Raum neben den anderen Pflanzen.
Es verging wenig Zeit, bis ich mich an die Umsetzung dieser Idee machte; der Baumarkt meines Vertrauens bewarb wieder eine Aktion  “20 Prozent auf alles” (ausser Tiernahrung) und so konnte ich drei runde Mörtelkübel mit je 90 Liter Fassungsvermögen für jeweils knapp vier Euro erstehen. Aufgrund des geringen Platzangebotes musste ich die Kübel in den Hang integrieren (siehe Grafik 1), was aber nicht besonders tragisch ist, wenn man das Gefälle in den gesamten Landschaftsbau einbezieht. Wichtig ist im Vorfeld sich Gedanken um einen geeigneten Standort zu machen, wobei man manchmal Kompromisse eingehen muss. Aufgrund der beengten Verhältnisse in meinem Garten muss ich mit einer Birke in der Nähe vorlieb nehmen, der ich nun wirklich nicht ausweichen konnte. Dieser Umstand wird zusätzliche Arbeit bedeuten, liess sich aber nun einmal nicht verhindern.

Grafik 1
Kübel Schnittdarstellung

Beschäftigen wir uns aber zunächst einmal mit der Technik, die ein solches Beet beinhalten sollte. Wir müssen ja die Natur möglichst nah nachahmen und so werden wir künstlich ein Wasserreservoir schaffen müssen. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass das Beet ausschliesslich von Niederschlagswasser gespeist wird. Wir kopieren also ein Niedermoor, das zum grössten Teil durch Grundwasser versorgt wird.
In der schematischen Darstellung (Grafik 2), sehen wir einen Schnitt durch einen fertigen Kübel. Zwei umgestülpte Eimer fungieren hier als Wasserreservoir. Von der Grösse her passen sehr gut die schwarzen Eimer, in denen bei Lidl-Märkten die Schnittblumen angeboten werden; zumindest in unserer Region werden die zuhauf nach einmaliger Benutzung dem Müll übergeben. Diese Eimer verdrängen das Substrat und versorgen unser Moor mit dem notwendigen Grundwasser. Hierzu muss es dem Wasser aber auch möglich sein, eindringen zu können; Luftblasen am Boden des Kübels wären ziemlich sinnlos. Also sägen wir mehrere keilförmige Aussparungen in die Bödenkanten der Eimer. So ist es möglich, dass das Substrat aus den Reservoiren ferngehalten wird, das Wasser bei Bedarf aber dennoch einfach in das Substrat eindringen kann, weiterhin ersparen die Eimer eine Menge Torf. Mit dieser “Technik” ist unser Minimoor weitgehend selbst versorgend, aber eben nur weitgehend.

Ich denke mit Schrecken zurück an den ultraheissen Sommer 2003, als mir während einer dreitägigen Abwesenheit gleich mehrere Pflanzen vertrocknet sind. Wir benötigen also eine Möglichkeit, unserem Grundwasser bei Bedarf künstlich auf die Sprünge helfen zu können. Das erledigt das Giessrohr, im Schema links zu sehen. Es handelt sich um ein normales, graues 50er HT-Rohr, das im Klempnergewerbe als Abflussrohr zumeist für Küchenspülen Verwendung findet. Jeder Baumarkt bietet solche Rohre für Centbeträge an. Es sollte sich um ein ausreichend langes Stück handeln, damit es später aus der oberen Substratschicht herausragt und über einen Steckanschluss (das ist der verdickte Teil mit der Gummidichtung drin) verfügen, der oberhalb der Substratschicht liegen muss, um einen passenden Stopfen aufzunehmen. Hier können wir bei Bedarf Wasser nachgiessen und so das Moor “von unten speisen”. Damit sich das Rohr am Boden des Kübel nicht plan aufsetzen kann, was einen Verschluss des Rohres zur Folge hätte, versehe ich das untere Ende mit Einkerbungen. Ganz grob werden mit der Säge V-förmige Stücke aus dem Kunststoff getrennt.
Die Vorbereitungen wären also getroffen, wir können mit der Anlage des Beetes beginnen. Die Kübel habe ich in ein dünnes Sandbett gestellt um sie grob ausrichten zu können. Dazu ist der billige Spielsand aus dem Baumarkt völlig ausreichend. In zwei der Kübel werden jetzt die beiden Eimer eingebracht, und auch die Giessrohre mit feuchtem Torf fixiert. Der vorher sehr gut durchfeuchtete Torf wird im mittleren Kübel bis kurz über Eimerhöhe aufgefüllt, der linke Kübel komplett, da er die Sumpfpflanzen beherbergen soll. Die letzte Substratschicht des mittleren Kübel bekommt einen Anteil von Quarzkies, weil hier vorwiegend Drosera eingesetzt wird. Man sollte sich schon vorher Gedanken gemacht haben, an welcher Stelle man das Giessrohr anbringt. Es ist müssig, wenn man sich hinterher quälen muss um mit Kanistern oder Ähnlichem zum nachfüllen zu kommen. Auch empfiehlt es sich die Lage der Eimer zu skizzieren, damit man später eventuell tief wurzelnde Pflanzen in die entstandenen Zwischenräume setzen kann. Jetzt ist auch Zeit das “Grundwasser” aufzufüllen; da passt einiges, und man sollte das die nächste Zeit regelmässig kontrollieren. Die Farbe des Sphagnum ist ein sicherer Indikator der Feuchtigkeit; sobald es sich heller verfärbt, ist der Boden längst zu trocken. Im Laufe der Zeit bekommt man ein Gespür dafür, wie hoch der Wasserspiegel im Giessrohr stehen muss.
 

HT-Rohr Anschluss
HT-Rohr unten
Mustrichter

Eimerboden und Eimerrand eingekerbt

Eimerboden Eimerrand

Die gestrichelte rote Linie in der Grafik zeigt die Lage der Überlaufbohrungen an. Um die exakte Höhe dieser Bohrungen zu ermitteln, sollte man den Kübel während einer Regenperiode einmal wirklich überlaufen lassen. Dann ist sichergestellt, dass das eingerichtete Moorbeet auch wirklich überschwämmt ist. Jetzt kann man von aussen Bohrungen in den Kübel einbringen; immer schön vom oberen Rand nach unten getastet, bis sich der Feuchtespiegel einpendelt. Das ist natürlich von der Substrathöhe abhängig und erfordert etwas Fingerspitzengefühl.

Diese Bohrungen sorgen dafür, dass unser Substrat nicht über den Rand weggeschwämmt wird.

Die Technik steht

Und so füllt sich auch der Kübel langsam mit Sphagnum und den Droseren rotundifolia, filiformis, intermedia, anglica, binata und x hybridia; heimische Fettkräuter sollen noch folgen. Die Pflanzen stammen ausnahmslos alle aus einer frischen Obi-Lieferung, damit bin ich sicher, dass sie im Endeffekt von Thomas Carow kommen - mit Sicherheit ein Kriterium für Qualität.

Karnivorenkübel

“Eingezogen” sind hier im Hintergrund auch schon der Eidechsenschwanz Houttuynia cordata, der gelbbunte Zwergkalmus Acorus gramineus “Ogon” und die amerikanische Sumpfschwertlilie Iris versicolor. Sie sitzen in einem Pflanzenkörbchen für Teichpflanzen, weil ich verhindern möchte, dass sie sich unkontrolliert ausbreiten, denn eigentlich soll das ja der Kübel für die Karnivoren sein.
Da ich ja nun schon einmal dabei war, war es nahe liegend einen Miniteich zu der Anlage hinzuzufügen; damit hätte ich dann meine bevorzugten Gebiete - Sumpfpflanzen, Karnivoren und Teichpflanzen abgedeckt. Auch hier bin ich aus Erfahrung klug geworden; ich werde keine Teicherde mehr verwenden. Mit Teicherde ist ein solch kleiner Teich kaum sauber zu halten, jedenfalls nicht ohne erheblichen technischen Aufwand, der in keinem Verhältnis zum Ergebnis steht. Meinen Recherchen nach soll so etwas auch gut mit feinem und gröberem Quarzkies funktionieren, also habe ich das einmal versucht. Hier kann ich eben keine Erfahrungswerte weitergeben, es handelt sich einfach um einen Test. Bisher jedenfalls sehen die Teichpflanzen noch sehr gesund aus in ihrem Quartzbett. Natürlich erhält auch dieses Behältnis Bohrungen für einen Überlauf. Der Besatz mit einer unbekannten Seerose (Nymphaea), dem Tannenwedel (Hippuris vulgaris), der Seekanne (Nymphoides peltata), dem gewöhnlichen Wasserschlauch (Utricularia vulgaris), dem rundblättrigen Schwimmfarn (Salvinia auriculata) und dem kleinen Rohrkolben (Typha minima) ist meiner Ansicht nach ausreichend; ein überfüllter Miniteich wirkt einfach nicht mehr. Für einen Fischbesatz ist ein solcher Kübel völlig ungeeignet, das sollte man unterlassen. Ein weiterer Nachteil soll hier auch nicht verschwiegen werden, solch ein Teich ist nicht zu überwintern. Vor Frosteintritt muss er also geleert und die Pflanzen in ein Winterquartier verbracht werden. Die frostfreien Monate mit den Teichpflanzen entschädigen aber für diesen Arbeitsaufwand

Zuletzt blieb noch der Anlage zu einer angenehmen Optik zu verhelfen. Ich habe mich unter anderem für Pflanzsteine aus dem Baumarkt (Stückpreis 1,90 Euro) entschieden, obwohl hier der Kreativität eigentlich fast keine Grenzen gesetzt sind. Ein paar Natursteine setzen hier kleine Akzente. In der Querschnittsgrafik ist zu erkennen, wie die eigentlichen Kübel von normaler Gartenerde eingefasst werden. Die Pflanzsteine geben der gesamten Anlage einen sauberen Abschluss im vorderen Bereich, hangwärts ist die Erde fast bis zu den Kübelrändern aufgefüllt worden und stellenweise sind Gartenpflastersteine (Einzelstückpreis 16 Cent) eingelassen um grossen Töpfen einen sicheren Stand zu gewährleisten. Auch die im Bild erkennbare Statue steht auf solch festem Grund; der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es sich um die kopflose maltesische Göttin handelt, ein schwergewichtiges Urlaubsmitbringsel einer guten Freundin.

Gesamtansicht1
Teichansicht1

Insgesamt habe ich darauf geachtet, dass sich die Bepflanzung dem Anstieg des Hanges anpasst. Auch um die freie Sicht auf die Kübelinhalte zu gewährleisten wurden also im vorderen Teil nur Pflanzen mit geringer Wuchshöhe ausgewählt, wie bspw. die Strauchveronika (Hebe-Andersonii-Hybriden), die Winterheide und einige Steingartenpflanzen wie der Moossteinbrech. An den Seiten kommen Blühpflanzen zum Einsatz, die jährlich wechseln können. Auf der Hangseite dominieren Bodendecker wie die Fetthenne (Sedum) und die Dachwurz (Hybriden des Sempervivum) von der ich hoffe, dass sie sich kräftig vermehrt. Die Dachwurz ist auch sehr gut geeignet die zwangsläufig entstehenden Ritzen zwischen den Kübeln zu füllen. Auf dem festen Untergrund der Hangseite stehen dann die Töpfe mit den größeren Pflanzen. Hier habe ich mich für das Zwerg- Federborstengras Pennisetum alopecuroides,

das Korallenbäumchen Solanum pseudocapsicum  und den Bambus Fargesia murielae entschieden. Die verbliebenen äusseren freien Stellen der Kübel werde ich noch vor dem Winter mit Naturkork verkleiden. Damit möchte ich aber warten bis ein Bekannter den Kork direkt aus einem Südfrankreich-Urlaub mitbringt; hier ist mir dieser Rohstoff einfach zu teuer.

Ich denke man kann anhand dieses Aufbaues nachvollziehen, dass man nicht immer Unsummen ausgeben muss um eine solche Anlage zu realisieren. Ein wenig Geschick und Arbeitsaufwand sind oft ausreichend um eine kleine grüne Oase - auch an einer Hauptstrasse - zu errichten. Inzwischen ist das kleine Biotop ein beliebter Treffpunkt für die Nachbarschaft geworden; jene Nachbarschaft, die mich wohl oft belächelt hat als ich begann meine Kübel einzubuddeln. Nachdem die japanische Sumpfiris blühte, war der Bann anscheinend gebrochen und man interessierte sich dann auch zaghaft für das „kleine klebrige Zeug mit den süssen Blüten“, die Sonnentaue. So ganz nebenher erweiterte sich dabei das botanische Interesse der Mitbewohner in der Siedlung – inzwischen ist wenigstens bekannt, dass heimische Karnivoren existieren – und vor allem, was das überhaupt ist. Manchmal ertappe ich Grossvater und Enkel vom Fenster aus, wenn Opa nachsieht, ob denn die purpurea wieder „gefressen“ hat. Bei Fragen wendet man sich einfach an den „verrückten Gerber aus dem ersten Stock“, der bereitwillig bei Grillwurst und Brause etwas zu den einzelnen Pflanzen erzählen kann und nebenbei die lateingeschwängerte Botanik ein wenig verständlicher macht. Erkläre einem neunjährigen Kind woher der Name Lychnis flos-cuculi stammt – die Folgefragen werden den Nachmittag füllen...

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